Archiv der Kategorie: Lyrik

Ludwig Uhland: Apfelbaum

Ludwig Uhland, 1822, gelernt Februar 2022

Bei einem Wirte wundermild
Da war ich jüngst zu Gaste.
Ein goldner Apfel war sein Schild
An einem langen Aste.

Es war der gute Apfelbaum
Bei dem ich eingekehret
Mit süßer Kost und frischem Schaum
Hat er mich wohl genähret.

Es kamen in sein grünes Haus
Viel leichtbeschwingte Gäste
Sie sprangen frei und hielten Schmaus
Und sangen auf das Beste.

Ich fand ein Bett in süßer Ruh
Auf weichen, grünen Matten
Der Wirt er deckte selbst mich zu
Mit seinem kühlen Schatten.

Nun fragt ich nach der Schuldigkeit.
Da schüttelt er den Wipfel
Gesegnet sei er allezeit
von der Wurzel bis zum Gipfel.

( MITI )

Friedrich Freiherr von Logau: Heutige Weltkunst

Friedrich Freiherr von Logau,1654, gelernt Februar 2022

Anders sein und anders scheinen,
Anders reden, anders meinen,
Alles loben, alles tragen,
Allen heucheln, stets behagen,

Allem Winde Segel geben,
Bös‘ und Gutem dienstbar leben,
Alles Tun und alles Dichten
bloß auf eignen Nutzen richten.

Wer sich dessen will befleißen,
kann politisch heuer heißen.

( MITI )

Robert Gernhardt: Über die Liebe

Robert Gernhardt, 1956, gelernt Gebruar 2022

Über Liebe kann man nicht schreiben.
Man liebt oder lässt es bleiben.
In Worte lässt sich Liebe nicht fassen.
Man kann sie nur leben oder lassen.
Liebe entzieht sich dem Sagen.
Man hat nur die Wahl: Kopf oder Kragen.

( MITI )

Gustav Falke: Weiße Wolken

Gustav Falke, ,1883, gelernt Februar 2022

Weiße Wolken gehn im Blauen;
als, ein Kind, im Gras ich lag,
liebt‘ ich’s ihnen nachzuschauen,
träumte einen schönen Tag.

Weiße Wolken wandern immer,
und ich freu, ein alter Mann,
mich an ihrem lichten Schimmer,
denk an meine Jugend dann.

Weiße Wolken werden wandern,
wenn ich lange nicht mehr bin;
träumt ein Hügel unter andern,
und sie ziehen oben hin.

( MITI )

Conrad Ferdinand Meyer: Zwei Segel


Conrad Ferdinand Meyer, 1869, gelernt Januar 2022

Zwei Segel erhellend
Die tiefblaue Bucht!
Zwei Segel sich schwellend
Zur ruhiger Flucht!

Wie eins in den Winden
Sich wölbt und bewegt,
Wird auch das Empfinden
Des anderen erregt.

Begehrt eins zu hasten,
Das andre geht schnell,
Verlangt eins zu rasten,
Ruht auch sein Gesell.

( MITI )

Erich Kästner: Sachliche Romanze


Erich Kästner, 1923, gelernt Januar 2022

Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.

Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten Küsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wußten nicht weiter.
Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei.

Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
Er sagte, es wäre schon Viertel nach Vier
und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.

Sie gingen ins kleinste Cafe am Ort
und rührten in ihren Tassen.
Am Abend saßen sie immer noch dort.
Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wort
und konnten es einfach nicht fassen.

( MITI )