
In seiner Winterausstellung nimmt sich das Goethe-Museum Düsseldorf einem ganz und gar wundersamen Stück deutscher Literaturgeschichte an, über dessen Interpretation bis heute debattiert wird: Goethes geheimnisvolles „Märchen“, verfasst in einer Zeit voller Umbrüche, Kriege und Flucht, ist kein gewöhnliches volkstümliches Märchen, sondern ein Kunstmärchen.
Wunder, Magie, sprechende Tiere, tödliche Pflanzen, das alles kommt darin vor. Erstmals erschien die fantastische Erzählung 1795 in der von Friedrich Schiller herausgegebenen Zeitschrift „Die Horen“ als letzter Beitrag zu Goethes Novellenzyklus „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten.“
Schauplatz der Handlung ist eine erst allmählich erkennbare antike Landschaft in einer gebirgsreichen Gegend, die durch einen Fluss geteilt ist. Überquert werden kann dieser nur mithilfe des Fährmanns oder der Schlange, wenn sie sich am Mittag in eine Brücke verwandelt, oder über den abendlichen Schatten eines gewaltigen Riesen. Unterirdisch befindet sich nahe dem Fluss ein Tempel, der vier Könige in Form von Statuen beherbergt.

Die schöne Lilie hat den Tod ihres geliebten Kanarienvogels zu betrauern und der Jüngling richtet sich selbst durch die freiwillige Berührung der schönen Lilie, die er liebt. Um beide zu retten, opfert sich die grüne Schlange auf. Aus ihren Überresten entsteht eine dauerhafte Brücke über den Fluss.
Obendrein setzt sich der unterirdische Tempel in Bewegung, unterquert den Fluss, steigt am gegenüberliegenden Flussufer wieder empor und nimmt die Hütte des Fährmanns als Altar in sich auf. Der Jüngling wird zum König ernannt und nimmt die schöne Lilie zu seiner Frau. Das Volk ist begeistert, drängt in den Tempel und bestaunt dort seinen König, seine Königin und deren Gefolge. Soweit die Erzählung.
Die Ausstellung im Goethe-Museum Düsseldorf thematisiert die Handlung und die Figuren des Märchens, zeigt Zeitzeugnisse und geht Fragen nach, etwa: Warum wählte Goethe hier einmalig die Literaturform des Märchens? Was sagen uns solche Geschichten inmitten von Krisen und Konflikten heute? Oder: Kann KI Märchen so erzählen wie einst Goethe oder die Brüder Grimm?
Das alles ist liebevoll inszeniert, aber die wesentliche Erkenntnis war für mich heute, dass Goethe überhaupt eine solch fantastische Geschichte verfasst hat. Davon hatte ich bis dato noch nie etwas gehört. Alles so ganz anders, als in Goethes sonstigen Werken. „Wenn da vor 230 Jahren nicht auch mal Drogen im Spiel waren“, kam es mir spontan in den Sinn. Sollen in Weimar abends am lauschigen Kaminfeuer ja gerne mal geknastert haben, die Herren Goethe und Schiller…
